SCHINDLER, R. (1992a). Rangdynamik und Gruppenorganisation   , ,  107-113.


Anhang: Zum Vokabular von Gruppenorganisation und Rangdynamik

von
Raoul Schindler


Organisationsstufen:

I. Menge :
meint das unorganisierte Beisammensein vieler Menschen. Diese kommunizieren bereits durch Interesse oder Abwehr von Interesse, können aber die Komplexität nicht auflösen. Der Einzelne erlebt daher Angst und fühlt sich ausgesetzt gegenüber der Mehrheit.

II. Wir-Beziehung:
kennzeichnet die Grenzziehung nach außen (Umwelt), aber noch keine Struktur nach innen. Der Suche nach einem Thema (Angriffspunkt zur Auflösung der Komplexität) entspricht nach innen die Rivalität um Anerkennung einer gemeinsamen Initiative. Es herrscht Spannung vor, Imponieren und Widerstand, »fight and flight« (Bion).

III. Gruppe:
meint das Aufnehmen einer gemeinsamen Handlungsbewegung, gekennzeichnet durch Anerkennung einer Schwerpunktsetzung nach außen (Gegner, Ziel der Machtentfaltung) und einer Rangordnung nach innen.

Rangordnung:

Alpha-Position  repräsentiert die Einheit in der Initiative, also die Identität der Gruppe. Alpha und Gegner der Gruppe definieren ihre Macht aneinander, sie befinden sich im Machtgleichgewicht. In Beta-Position  definieren sich Einzelne randständig. Sie befassen sich auch mit andern potentiellen Gruppenzielen. Dadurch vergrößern sie die Umweltauflösung (Spezifikation und Problematisierung) und bilden das Realitätsprinzip der Gruppe. In Gamma-Position  reihen sich alle diejenigen, die die Bewegungsrichtung des Alpha durch ihre Resonanz mittragen und so zur gemeinsamen machen. In Omega-Position  definiert sich der Letzte, in der Bewegungsrichtung Zurückbleibende. Er repräsentiert die potentielle Gegenbewegung (Widerstand), die Ohnmacht (Schwäche) der Gruppe. Da er aber doch mitmacht, übernimmt er Ambivalenz und Angst der Gruppe.

Rangdynamik:
beschreibt die durch die Rangordnungs-Struktur sich ergebende innere Motivationsregel: Die durch Gamma repräsentierte Gruppenleistung motiviert sich durch die Identifikation mit Alpha und stellt sich als Überwindung des Omega in seiner Identifikation mit dem Gruppen-Gegner dar. Daher handelt Gamma innerhalb der Gruppenszene so, wie es träumt (wünscht), daß Alpha mit dem Gegner verfahren sollte.

Sündenbock-Prinzip:
nennt man das Ausstoßen des Omega zur (vorübergehenden) Entlastung der Gruppe von inneren Widerständen. Innovation nennt man Richtungsänderungen der Gruppe durch Neudefinition der Gruppenziele (des Gegners). Sie erfolgt evolutionär durch Veränderung oder Anstoß des Alpha, oder revolutionär, durch Austausch des Alpha (Tod oder Entmachtung über Gamma-Verschiebungen).

Klein-Gruppe:
kleinste Organisationseinheit einer kollektiven Ganzheit (Kollektiv-Person). Kennzeichen sind: Identitäts-Bewußtsein (>Wir-Gefühl<), personale Überschaubarkeit (»face to face«), gemeinsame Intimität und Geschichte. Sie umfaßt im Kern drei bis sieben Mitglieder, bei zunehmender Größe nimmt die personale Distanz in Stufen nach den Vielfachen von sieben zu, die Überschaubarkeit entsprechend ab, die intime Geschichte gerinnt zu Zeremonien und Ich-Werten (Garanten der Identität).

Groß-Gruppen:
sind Organisationseinheiten von Kleingruppen (Untergruppen) in freier Dynamik. Ihre Strukturmerkmale treten ab 21 (3x7) Teilnehmern hervor und werden ab 49 (7x7) Teilnehmern vorherrschend. Die personale Durchsicht nach außen (Umwelt) weicht der szenischen Dramatik der Protagonisten (Ideenträger), die Identitätsmacht beanspruchen, ihre Beleuchtung aber aus dem Chor der selbst machtlosen Zurufer erhalten, die den Protagonisten als Widerhall der Umwelt erscheinen, deren Thematik sie mit ihrer Darstellung einspiegeln. Je deutlicher die Protagonisten hervortreten, desto klarer wird ihre Macht, je mehr die Zurufer vorherrschen desto chaotischer, undurchsichtiger, angsterfüllter und zur Innovation drängender wird die Szene.

Institution:
reduziert die Merkmale der Gruppe auf äußere Kennzeichen (z.B. der Rangordnung, die damit hierarchisch wird) und Regeln, deren Einhaltung zu ihrem Intimitätsproblem wird. Sie bindet damit die »freie« (chaotisch-kreative) Dynamik der Gruppen und macht die Überschaubarkeit von der Zahl unabhängig. Institutionen »alter Art« strebten nach voller Fixierung der Dynamik zu »ewiger Wiederkehr« unter der Idee absoluter Werte, Institutionen »neuer Art« streben nach einem Spielraum autopoetischer Erneuerung in Anpassung an eine sich verändernde Umwelt. Das führt zur Aufwertung der Omega-Position als funktionellem Wert (z. B. als Opposition) und zur Zunahme von Omega-Strategien (z. B. Geiselnahme) als gesellschaftliche Praxis.

Masse:
bezeichnet die regressive Form einer Großgruppe auf das Niveau der Menge. Sie agiert in autistischer Fühllosigkeit für ihr Objekt zur Abfuhr hoher Angstspannung, sei es im Versuch seiner Vernichtung oder seiner Verherrlichung, an der sie in symbiotischer Allmachtsphantasie Anteil hat. Regressionsstadien in der Nähe der Wir-Beziehung spalten isolierte Ich-Anteile (Untergruppen) ab und erleben sich in paranoider Weise von ihnen manipuliert. Massen artikulieren nicht Macht sondern Gewalt und geraten in den Zwiespalt von totaler Aggression oder Nicht-Handeln (Raptus oder Stupor).

Beiblatt zu einem Vortrag in Goldegg 1992

© Copyright by Univ. Dozent Dr. Raoul Schindler
A-1080 Wien, Bennogasse 8.

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